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»Durch
Erzählung und Wiederholung kann eine Idee eine
Aura essentieller Wahrhaftigkeit um sich herum schaffen
und behaupten. Im Verlauf dieses Prozesses wird eine
liebge- wonnene Vorstellung mit mehr Wahrheit ausgestattet
als eine Bibliothek voller Fakte... Das Phänomen live: Der »Kreis zum Buch« Kornkreise - ein modernes Phänomen? von Florian Brunner und
Harald Hoos Begonnen hat es 1978. Der Bauer Ian Stevens traute seinen Augen nicht, als er seine Ernte mit dem Mähdrescher einholen wollte: ein exakt in das Kornfeld gedrückter Kreis. So etwas hatte er noch nie gesehen. Noch im selben Jahr wussten weitere Personen von plattgedrücktem Korn zu berichten. Man begann über die Ursachen zu rätseln. Mit einem Zeitungsartikel in der Wiltshire Times 1980 rückten dann die Kornkreise ins Licht der Öffentlichkeit. Der Zeitungsartikel rief auch UFO-Forschungsgruppen auf den Plan. Nachdem durch die UFO-Szene und
durch die Öffentlichkeit die Verbindung zwischen Kornkreisen
und Außerirdischem hergestellt wurde - die Ufologen interpretierten
die Spuren im Korn z. B. als UFO-Landespuren - nahm eine bis
heute andauernde Entwicklung ihren Lauf. Kornkreise und UFOs
gehören nach Sicht vieler Spezialisten zusammen, sei es
als Landespuren oder als Botschaften Außerirdischer an
die Menschheit.
Mehr und mehr etablierte sich die Kornkreisforschung. Sogar den einen oder anderen nüchternen Naturwissenschaftler bewegte sie zu Deutungen. Indizien zur Unterscheidung mutmaßlich vom Menschen gemachter Kornkreise von solchen scheinbar unerklärbarer Herkunft mussten gefunden und formuliert werden. Am 9. September 1991 kam es zur "Katastrophe": Das britische Boulevardblatt Today veröffentlichte das Interview mit zwei Rentnern aus Southhampton, Doug Bower und Dave Corley, die behaupteten, sie seien verantwortlich für einen Großteil der Kornkreise. Während für die breite Öffentlichkeit nun das feststand, was man eigentlich schon lange vermutete, dass die Kornkreise durch Menschenhand bzw. -fuß entstehen, war der Schock für die Cereologen - wie sich die Kornkreisforscher inzwischen nannten -groß. Von diesem Zeitpunkt an ist dem Phänomen viel an Faszination verloren gegangen. Auch das öffentliche Interesse ebbte ab. Die Frage "echt" oder "falsch" stand im Mittelpunkt. Über dieser Frage zerstritten sich viele Forscher. Die Diskussion hält bis heute an.
Dennoch bleiben weiterhin viele Fragen ungeklärt: Hatten die ersten Kornkreismacher nicht doch ein Vorbild in der Natur? Gab es - oder gibt es Kornkreisformationen, die aus einem tatsächlich ungeklärten Phänomen rekrutieren? Sind einige der heute alljährlich
erscheinenden Formationen Teil eines ursprünglichen Phänomens,
das vielleicht in einem einfachen Kreis liegt? Fragen, deren
Klärung heute fast unmöglich erscheint, ist die Machart
doch so perfekt und offenbar nicht für Menschen machbar. Das Phänomen existiert nun
seit mehr als zwei Jahrzehnten. Hierbei hat sich im Laufe der
Jahre eine feste internationale Interessentengemeinde zusammengefunden,
in der in meist friedlicher Koexistenz verschiedene Entstehungstheorien
vertreten werden. Grob lassen sich Kornkreisenthusiasten in
zwei Gruppen unterteilen: Die Personen, die an einem übernatürlichen
Entstehungsprozeß festhalten, also an "echte" Kornkreise
glauben, und die Personen, die hinter den Kornkreisen menschliches
Hand- oder Fußwerk sehen - und von den "falschen" Kornkreisen
fasziniert sind.
Den Kornkreisen ist es gelungen, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Weltanschauungen und sozialer Schichten zusammenzuführen. Allen gemeinsam ist die Sehnsucht nach Spiritualität in unserer entmystifizierten, hochwissenschaftlichen und hochtechnifizierten Welt. Die Entmystifizierung machte auch vor den bedeutenden Weltreligionen nicht halt, was heute zur Entstehung immer neuer Ersatzreligionen führt. Wer die Geschichte der Kornkreise von ihrem Anbeginn an mit wachen Augen beobachtet und analysiert hat, dem wird wohl kaum entgangen sein, dass bei diesem, wie auch bei anderen Phänomenen aus dem grenzwissenschaftlichen Bereich dem natürlichem Bedürfnis nach Spiritualität fester Boden geboten wird, auf den viele Gläubige ihre Sehnsüchte und tiefsten Wünsche projezieren. Copyright Brunner/Hoos 2001 |